Montag, 26. Juli 2010

„Der Kapitalismus ist gescheitert“

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13.07.2009
Interview mit Fredmund F. Malik: „Der Kapitalismus ist gescheitert“

Der Managementexperte und Bestsellerautor Fredmund Malik über Konsequenzen aus der Finanz- und Wirtschaftskrise - und warum sich niemand vorzeitig in Sicherheit wiegen sollte
von Jörg Hackhausen
Fredmund Malik, Professor an der Universität St. Gallen, ist Management-Experte und Bestseller-Autor.


Herr Malik, die Banken suchen erneut das Risiko, selbst dicke Boni werden wieder gezahlt. Haben Banker ein kurzes Gedächtnis und nichts aus der Finanzkrise gelernt?

Ja, aber nicht nur wegen des kurzen Gedächtnisses, sondern weil weiterhin mit althergebrachten Methoden gearbeitet wird, die ungeeignet sind, die Komplexität der Krise zu beherrschen. Es ist, als würden Sie ein Schiff weiter mit Hilfe eines Sextanten steuern, statt moderne Satelliten-Navigation zu verwenden.

Täuscht der Eindruck, dass auch den Staatschefs wenig Neues einfällt? Auf dem G8-Gipfel hielten sie sich erstaunlich bedeckt ...

Wahrscheinlich ist, dass der Gipfel von der allgemeinen Hilflosigkeit ablenken sollte. Die Versuchung ist groß, sich einer Politik zuzuwenden, die zwar populär, aber völlig ideenlos ist. Die bisherigen Maßnahmen greifen kaum.

Was läuft denn schief?

Ich denke zum Beispiel an die Frage nach der Haftung von Managern, aber auch an finanzielle Maßnahmen. Zum Teil verschlimmert man die Situation sogar, etwa durch Zinssenkungen. Niedrige Zinsen haben die Krise doch maßgeblich mitverursacht.

Rund um den Globus investieren die Staaten kräftig in Hilfsprogramme. Bringt das denn nichts?

Wir wiederholen genau jene Fehler, die die Japaner in den 90er-Jahren gemacht haben. Dort hat man seitdem etwa 15 große Pakete verabschiedet, um die Konjunktur anzukurbeln. Sie haben alle nichts genutzt. Das Geld kam in der Realwirtschaft nicht an. Und das zeigt sich jetzt auch. Höchstens fünf Prozent der beinahe 1 000 Mrd. Dollar, die die Amerikaner in Konjunkturpakete investieren, kommen in der Wirtschaft an; in Deutschland ist es weniger als ein Prozent.

Es gibt aber bereits Anzeichen für eine Erholung der Wirtschaft. Auch an der Börse sind die Kurse gestiegen.

Wer jetzt Entwarnung gibt, hat anscheinend nicht die Krise der 30er-Jahre studiert. Die aktuelle Erholung an der Börse ähnelt der von 1930, als auf den Crash im Oktober 1929 eine sensationelle Rally bis hinein in den April folgte. Zu diesem Zeitpunkt gaben alle Auguren der damaligen Zeit Entwarnung. Man glaubte auch an die Wirksamkeit der Fed-Maßnahmen. Dabei begann das Debakel erst. Am Ende stand der Dow Jones im Jahr 1932 bei 40 Punkten.

Und heute?

Der gegenwärtige Bullenmarkt hat seinen Ursprung im Jahr 1982. Damals stand der Dow Jones bei 1 000 Punkten. Das ist auch die Fallhöhe, mit der wir rechnen müssen.

Inwieweit ist die Situation der 30er-Jahre mit der heutigen überhaupt vergleichbar?

Ein Unterschied liegt im Volumen, das heute ein Vielfaches größer ist. Die Mechanik der Märkte ist aber vergleichbar. Die Börse hat zwei Triebfedern. Die eine ist die Gier. Oder anders ausgedrückt der Glaube, dass man ohne Arbeit immer reicher werden kann. Der zweite Punkt ist, dass die Börse nur dann so stark steigt, wenn Schulden gemacht werden.

Sie halten wohl nicht viel von der Börse.

Im Gegenteil. Ich habe über 30 Jahre Erfahrung auf den Finanzmärkten, und zwar auf den allerheißesten Märkten. Es gibt keinen Tag, an dem ich nicht an den Börsen engagiert bin.

Sind Sie gierig?

Das habe ich mir abgewöhnt. Ich hatte das Glück oder das Pech, dass ich mit meinem ersten Aktiengeschäft einen Gewinn von 160 Prozent gemacht hatte. Ich war 23 Jahre alt und über Nacht "reich". Ich war auch "berühmt", denn ich konnte meinen Mund nicht halten, habe es jedem erzählt, und alle wollten Tipps von mir haben. Das hat mich dann wieder einiges an Geld gekostet, aber mir unendlich viel Erfahrung gebracht.

Sie haben die Ursachen des Finanzcrashs analysiert. Hätte man die Krise vermeiden können?

Die Krise kam zwangsläufig, aber sie hätte nicht diese Formen annehmen müssen. Wenn Alan Greenspan behauptet, man könne eine Blase nicht erkennen, bevor sie platzt, dann ist das selbstverständlich falsch. Man hätte diese falsche Entwicklung sehr leicht erkennen können. Es gab genügend Anzeichen.

Welche?

Die Wirtschaft der USA ist groß, aber sie ist schon lange nicht mehr stark. Inzwischen ist sie in vielen Bereichen verrottet. Man sieht es am Außenhandelsdefizit. Natürlich gibt es auch ein paar gute Firmen in den USA, aber die meisten sind nicht konkurrenzfähig. Die Investitionen der Unternehmen sind lächerlich niedrig, so niedrig wie zuletzt nach dem Zweiten Weltkrieg. Man sieht es auch an der immensen Verschuldung der Privathaushalte. Das Einzige, was in den USA in den letzten Jahren blühte, war die Wall Street - und die hat sich nun selber umgebracht.

Haben die Finanzmärkte dann überhaupt eine Zukunft?

Die Finanzmärkte sind um ein Vielfaches größer, als die Realwirtschaft dies für ihre Investitionen und ihren Handel braucht. Die Volumina sind so aufgebläht, dass sie im Zuge dieser Krise deutlich zurückgehen werden - um mindestens ein Drittel, wahrscheinlich auch zwei Drittel. Viele Banker und Broker werden nichts mehr zu tun haben. Bankberatung braucht man im Moment sowieso nicht. Man sollte sein Geld einfach liegen lassen, durch die Deflation wird es jeden Tag mehr wert.

Es ist also völlig unrealistisch, wenn Deutsche-Bank-Chef Ackermann eine Eigenkapitalrendite von 25 Prozent als Ziel ausgibt?

Wenn er das schafft, dann ist das eine tolle unternehmerische Leistung. Die Frage ist nur, wie kommt diese Rendite zustande und was fängt er damit an? Ist seinen Kunden damit gedient? Richtige Unternehmensführung beginnt und endet beim Kunden. Die Bank sollte in das eigene Unternehmen investieren und Gewinne sparsam an die Aktionäre auszahlen. Leider wird bei den meisten Firmen zu wenig an die Zukunft gedacht.

Warum das?

Die Leistung eines Unternehmens wird nur noch an Finanzkennziffern gemessen. Das ist die schlechteste Methode, um ein Unternehmen zu bewerten. Dadurch entsteht ein sich selbst zerstörendes System. Schnelle Gewinne zu machen ist eine Leichtigkeit, wenn man nicht auf die Zukunft achten muss. Man fährt Ausgaben für Innovationen, Marketing und Ausbildung zurück und der Börsenkurs explodiert. Entscheidend ist die Frage: Was tut das Management für die Zukunft des Unternehmens.

Und wie lässt sich das System ändern?

Alle Dax-Firmen sollten sich sofort vom deutschen Corporate-Governance-Kodex und der Idee des Shareholder-Values verabschieden. Zweitens muss man die Bonussysteme ändern. Nicht abschaffen - gute Manager sollten gut verdienen. Die Boni müssen für die besten Manager möglicherweise höher sein als heute. Aber sie müssen vollkommen abgekoppelt sein von Finanzkennzahlen und Börsenkursen.

Die eigentliche Idee der Börse ist doch, dass sich jeder am Kapital und dem Erfolg eines Unternehmens beteiligen kann. Gleichzeitig kann man mitbestimmen. Ist diese Idee überholt?

Den klassischen Shareholder gibt es heute gar nicht mehr, es gibt nur noch Shareturner. Die meisten sind professionelle Investoren, die überhaupt nicht an einem Unternehmen interessiert sind. Sie kommen auf die Hauptversammlung, stimmen ab und wählen natürlich Leute ihres Geistes. Wenige Wochen danach verkaufen sie die Papiere.

Was wäre denn die Alternative?

Mein Vorschlag ist seit langem, eine gesetzliche Haltefrist vorzuschlagen. Wer bei der Wahl des Aufsichtsrates mitbestimmt, muss mindestens für die Amtszeit des Aufsichtsrates seine Aktien halten. Wer das nicht will, kann trotzdem gerne Aktien kaufen oder verkaufen, soll aber gefälligst keinen Einfluss auf die Führung des Unternehmens haben.

Was werden wir aus dieser Krise lernen?

Der Kapitalismus ist genauso gescheitert wie der Sozialismus. Diese Krise ist das Symptom eines fundamentalen Wandels, es sind die Geburtswehen für eine neue Welt. So etwas hat in der Geschichte möglicherweise noch nie stattgefunden. Die Lösungen werden nicht aus der Ökonomie, auch nicht von den Regierungen kommen. Die Menschen werden lernen, sich gegenseitig zu helfen. Ich denke, wir werden eine neue Menschlichkeit erleben. Das neue Kapital ist Wissen, während Geld an Bedeutung verlieren wird. Der krasse Egoismus der letzten Jahre wird sozial geächtet sein. Menschen Sinn zu ermöglichen wird wichtiger.

Wissenschaftler, streitbarer Querdenker und Bestseller-Autor

Fredmund F. Malik gilt als Experte für Management und Unternehmensführung. Er lehrt als Professor an der Universität St. Gallen. Daneben hat sich der 65-Jährige als Berater und selbstständiger Unternehmer einen Namen gemacht. Er ist seit 1984 Chef des von ihm gegründeten Malik Management Zentrums St. Gallen mit derzeit rund 300 Mitarbeitern. Malik stammt aus Lustenau in Österreich. Er studierte in Innsbruck und St. Gallen Wirtschafts- und Sozialwissenschaften sowie Logik und Wissenschaftsphilosophie. Das Studium schloss er mit Promotion ab, 1978 folgte dort die Habilitation für Betriebswirtschaftslehre. Thema seiner Habilitationsschrift: "Strategie des Managements komplexer Systeme".

Malik setzt sich von der Masse der Ratgeber ab. Mit amerikanischer Managementlehre kann er nichts anfangen. Insbesondere die Idee des Shareholder- Values, also die einseitig auf die Interessen der Aktionäre ausgerichtete Unternehmensführung, kritisiert er scharf. Er sieht darin eine Ursache für die weltweite Finanzkrise. Auch die bisher übliche Ausbildung von Managern an MBA-Schulen hält er für falsch. Ein Grundproblem der Wirtschaft sieht er in der wachsenden Komplexität von Unternehmen. Sein Ansatz, diese Strukturen zu analysieren, wird in der Wissenschaft als Management-Kybernetik bezeichnet. Malik ist Autor zahlreicher Schriften und Kolumnen. In den Bestsellerlisten steht etwa sein Buch "Führen, leisten, leben". Auf die Gefahr einer drohenden Finanz- und Wirtschaftskrise hat er schon früh hingewiesen.

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1 Kommentar:

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    Für weitere Informationen hier ist unsere e-Mail-Adresse : roy.renne1@gmail.com

    Frau Roy

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